Auch in New York findet Stumm Gehör

Der Zürcher Star-DJ Oliver Stumm arbeitet erfolgreich an seiner Musiker-Karriere

VON MARTIN SUTER, Sonntags Zeitung 1998

Als er in der Schweiz ganz oben war, zog er nach New York, um wieder unten anzufangen. Mit seinem neuen Album beweist Zürichs DJ-König Oliver Stumm, dass sich der Umzug gelohnt hat: Aus dem Plattenaufleger und Party-Pionier ist ein Musiker geworden.

Gar so gefragt wie noch vor einigen Jahren ist die «Bowery Bar» zum Glück nicht mehr. Man kann in der ehemaligen Garage an der 4. Strasse in Manhattan sein eigenes Wort verstehen, als sich Oliver Stumm am Dienstag auf der kunstlederbespann-ten Sitzbank zum Interview hinsetzt.

Es ist zwei Uhr nachmittags, und Ollie ist noch nicht richtig in Fahrt. «Normalerweise bin ich lively», entschuldigt sich der schmächtige, im obligaten Downtown-Schwarz gekleidete USA-Schweizer, das Gesicht eher bleich unter den Bartstoppeln. Noch am gleichen Tag wird Oliver Stumm nämlich das Nachtflugzeug nach Zürich besteigen, wo er 72 Stunden später im «Kaufleuten» sein erstes richtiges Album aus der Taufe heben wird.«You Can Run…» heisst die CD, die er in mühsamer, monatelanger Tontüftelei in seinem New Yorker Studio aufgenommen, arrangiert und abgemischt hat. Er gibt das Album auf dem eigenen Label Liquid Groove unter dem Namen «H2O» heraus, doch daneben steht «Produced by Oliver Stumm» auf der Hülle. «Leider müssen sie immer meinen Namen auf die Packung schreiben», lautet sein leicht koketter Kommentar. 

«Als Lokalmatador konnte ich überall spielen, wo ich wollte»

In der Schweiz auf jeden Fall. Wenn er nicht erst 33 Jahre alt wäre, könnte man Ollie Stumm den Grossvater der Schweizer Diskjockeys nennen; keinen kennt man in der Szene besser. Der in Boston geborene, in den USA und Zürich aufgewachsene Stumm hat seit 1984 öffentlich Schallplatten aufgelegt, um während des Mathematikstudiums Geld hinzuzuverdienen. Als erster DJ spielte er House-Musik, und später organisierte er legendäre Tanzfeten, legale und illegale. Mit seinen temporären Megadiscos in der Kaserne, der Mühle Tiefenbrunnen, der Reithalle und wechselnden anderen Lokalitäten etablierte sich Stumm als Pionier der heute so mächtigen Zürcher Partyszene.

«Ich war ein Lokalmatador und konnte überall spielen, wo ich wollte», erinnert sich Oliver, während vor ihm auf dem Teller die kaum angeknabberte Pizza erkaltet.

Aber was aus Liebe zur Musik begonnen habe, sei immer mehr ins Gastrobusiness abgeglitten, sagt er.

«Ich konnte extrapolieren: In fünf Jahren würde ich diese Beiz haben, dann jene Bar, bald wäre ich mit dem Mercedes herumgefahren und hätte ein Boot auf dem See gehabt.» Da habe er zu sich selber gesagt: «Nein – so leicht mache ich es mir nicht.»

Nach der Ubersiedlung nach New York 1991 hat Oliver Stumm wieder ganz unten beginnen müssen, «als Nobody, als kleiner Fisch im Teich». Und das sei für ihn ein sehr gesunder Prozess gewesen. Es gehe ihm wie all jenen Tausenden, die jede Woche in die Metropole an der US-Ostküste strömen, um ihren ganz individuellen Traum zu ver-wirklichen. «Neunzig Prozent scheitern, aber das Erlebnis ist es wert gewesen: Wenn sie wieder heimfahren, sind sie zu Hause der King.»

Daran denkt Stumm aber noch keineswegs. Er ist auf dem besten Weg, seinen Traum zu realisieren und sich in New York einen Namen als Musiker-Produzent zu machen.

Zuerst hat er das Handwerk gelernt, und zwar gutschweizerisch gründlich. Jeden Arbeitsgang am Synthesizer, am Mischpult und am Macintosh-Sequencer wollte er selbst beherrschen; für seine Produktionen wollte er nicht auf Toningenieure, Programmierer oder andere Fachleute angewiesen sein.

«Im letzten Halbjahr hatte ich kein Sozialleben mehr». Inzwischen hat er auf dem eigenem Label 17 House-Singles produziert und teils in fünfstelliger Auflagenzahl auf dem DJ-Markt verkauft.

Seit Januar liegt mit «Liquid Grooves Vol. 1» auch eine Kompilation von Kurzfassungen der Dancetracks vor. «Jetzt gehen die Türen der Plattenfirmen langsam auf», berichtet er. Man anerkenne, dass er nichts vorschwindle, dass er kein «phoney» sei.

Nach dem Lunch zeigt Ollie Stumm seinen Arbeitsplatz, der ein paar Blocks weiter an der Bleecker Street liegt. Auf dem Weg vorbei an einer Armenküche und am Haus des Schweizer Fotografen Robert Frank rühmt der Wahl-New-Yorker seinen neuen Wohnort: Diese Stadt hat enorm viel Musikkultur, und es ist für mich wichtig, dass viele dasselbe machen wie ich.»

Im Büro seiner Liquid Music Inc. im sechsten Stock verpackt Lantz Arrington, der gewichtige LabelManager, gerade T-Shirts, Hüte, Schlüssel und anderen Promo-Artikel in Kartonschachteln für den Transport in die Schweiz. Stumm mag solches Marketing, und wenn auch nur deshalb, weil es Spass macht. Besonders liebt er schrage Ideen; so hätte er seiner schweisstreibenden neuen CD gerne Beutel mit Badezusatz beigefügt, nach dem Motto: «Have a bath on us.» Leider sei ihm der Gedanke zu spät gekommen.

Das Allerheiligste aber ist ein mittelgrosser, fensterloser Raum, den Stumm mit Elektronik vollgestopft hat. Hier, zwischen Schiebern, Drehknöpfen und Skalen hat er im letzten Halbjahr täglich bis zu vierzehn Stunden verbracht. «Ein Sozialleben hatte ich keines mehr», sagt er, ohne zu klagen. Uberhaupt sei er eher ein Einzelgänger. Die meisten Leute treffe er zufällig, verbunden mit dem Beruf.

Dann öffnet Oliver Stumm die Regler, und man hört sofort, dass sich die Entbehrung ausgezahlt hat. «You Can Run…» ist sauber und superpräzis produziert und von verblüffender Vielfalt. Die CD versammelt den House-Klassiker «Take Me Higher» und den Hit «Nobody’s Business», der in England unter die Top twenty kam, daneben aber auch Hip-Hop-Titel und ganz neue Rhythmen. Stumms Sängerin Billie überzeugt mit ihrer Phrasierungskunst ebenso wie der verstorbene Vokalist Tony Lopes mit seiner Expressivität.

«In den Clubs gibt’s zu viele Drogen und langweilige Musik» 

Ollie verrät beim Abhören seines Albums eine Begeisterung, die zur Frage provoziert, ob ihm im Vergleich die DJ-Arbeit überhaupt noch Spass macht. Für New York, wo er die ersten zwei, drei Jahre immer wieder hinter Plattenspielern stand, lautet die Antwort klar nein. «Die Clubszene ist in einer Krise», sagt er. «Es gibt zu viele Drogen, und die Musik ist langweilig. Manchmal kommt man sich vor wie in einem McDonald’s, wo die Hamburger auch immer genau gleich schmecken.»

In der Schweiz sei die gleiche Entwicklung zwar absehbar, aber noch nicht so weit fortgeschritten. Deshalb bedient der DJ-Pionier seine heimische Fangemeinde regelmässig und reist mindestens alle zwei Monate für Anlässe über den Atlantik. Letztes Jahr war er zehnmal in der Schweiz

«Es ist ein schauriger Stressjob, die zwei schweren Plattenkoffer her-umzuschleppen», sagt er. Aber wenn dann ein Fest rund läuft, sind die Mühen vergessen. Denn nach wie vor kann Ollie wie kaum einer sonst auf die Stimmung auf dem Tanzboden eingehen, und anders als viele pflegt er die Variation zwischen laut und leise, langsam und schnell. «Die Dramaturgie ist das wichtigste: Wenn man glücklich sein will, muss man zwischendurch auch traurig sein.»

Zum Anlass der Plattentaufe wird Oliver Stumm diesmal ganze zwei Wochen in der Schweiz bleiben. Besonders freut er sich darauf, am 29. Mai im Zürcher «Kaufleuten» die inzwischen berühmte Disco- Party steigen zu lassen. Er weiss, dass diese Nostalgie-Fete wie letztes Jahr extrem popular sein wird. Und nach sieben Jahren New York weiss der DJ-Pionier auch warum: «Das ist eben Musik.»