Zuercher Kultur

Tages Anzeiger Freitag, 15. März 2002

Elfen und Geister unter dem Lochergut

Von Adrian Schräder

Zwei Zürcher Musiker geben von New York aus der aktuellen Popmusik Impulse.

Am Samstag stellen sie die Erzeugnisse ihres Labels A Touch of Class in der Toni-Molkerei vor.

«Was wir machen, hat mit den Achtzigerjahren eigentlich gar nichts zu tun», betont Toni «Riccione» Class mehrmals. «Wir machen keine Revivalmusik, sondern verkörpern ganz einfach eine bestimmte Ein-stellung, die sich von derjenigen anderer aktueller Musikstile stark unterscheidet», führt/er aus. Gemeinsam mit seinem Partner Domie Le Touch bildet Riccione die Schaltzentrale des Labels A Touch of Class (ATOC), das die beiden Exilzürcher vor knapp drei Jahren in New York gegründet haben.

Nachdem die beiden etliche Jahre ihre Mischkonsolen im Housesektor bedienten, war für sie irgendwann der Moment ge-kommen, da sich diese Clubkultur ausgereizt hatte. «Die ganze Musikentwicklung ist zu einem Stillstand gekommen. Es geht nur noch um Stilbetitelungen und kleine rhythmische Veränderungen. Darum sind Musikstile wie House, Trip Hop oder Drum ‘n’ Bass auch so anonym und langweilig geworden. Die Clubkultur hat mit dem alltäglichen Leben fast nichts mehr zu tun», sagt Riccione, der seinen Wohnsitz schon vor über zehn Jahren nach Manhattan verlegt hat und in Zürich oft mit dem House-DJ Oli Stumm verwechselt wird.

Nicht immer perfekt

Statt ernster Miene, makellosem Äusse-ren und dogmatischen musikalischen Formen offenbaren die Musiker von A Touch of Class eine Einstellung, die von Humor, Ironie und Bandverhalten geprägt ist und für facettenreiche Unterhaltung bürgt. Die Musik der Achtzigerjahre mit ihrer Naivität und Narrenfreiheit bildet darin ein wichtiges Element. Allerdings geht es weniger um die Wiederbelebung von Musik-stilen wie New Wave, Elektro oder Syn-thiepop als vielmehr um die Geistesver-wandtschaft, welche die Werke von damals mit der Einstellung heutiger Musiker verbindet. «In den Achtzigerjahren wurde absolut respektlose Musik gemacht. Man muss wieder die Möglichkeiten öffnen und auch plumpe, nicht perfekt geschliffene Musik machen können», erklärt Riccione. «Ausserdem geht es darum, wieder Charaktere zu züchten. Das kennen andere moderne Musikstile, mit Ausnahme von Hip Hop, ja eigentlich nicht.»

Drei Typen in einer Garage

Drag Queens von The Ones, die mit technisch bereinigten Stimmen und viel Grazie letzten Sommer zuerst Ibiza, dann die britischen Charts und bald darauf die halbe Welt eroberten. 

 Nachdem das Hitpotenzial von «Flawless» erkannt worden war, kamen auch grosse Plattenfirmen nicht mehr umhin, bei ATOC anzuklopfen, um den Song zu lizenzieren.

«Die Majors meinen, dass sie die Musikwelt kontrollieren können. Alle neuen Produkte, egal auf welchem Gebiet, werden jedoch immer drei Typen in einer Garage kreiert» , erläutert Riccione

Im Fall des Zürcher Duos Waldorf entspricht die Garage einem geräumigen Kellerraum unterhalb des Locherguts, der nur ohne Schuhe betreten werden darf. Dort arbeiten David Renggli alias Kid Italy und Arvild Baud alias Clark Steiner seit knapp fünf Jahren am Gesamtkonzept ihrer Band.

Dazu gehört, wie bei allen ATOC-Musikern, auch eine genaue Vorstellung davon, wie die Band nach aussen wirken soll. Die Welt von Waldorf, wie sie sich dem Besucher der Konzerte und der Website präsentiert, besteht aus einer feurigen Mischung aus Popmusik, anthroposophischer Lehre und Theatralik. «Eigentlich sind wir die modernsten Anthroposophen, die es gibt. Wir arbeiten bewusst mit der Ästhetik, die uns in der Steinerschule mit auf den Weg gegeben wurde», sagt Arvild und erklärt damit, wieso bei ihnen Elfen und Geister die Bühne bevölkern und Eurythmie, eine lautmalerische Tanzform, die Körper und Seele in Einklang bringen soll, praktizieren.

Adria an der Klosbachstrasse

In ihrer Musik mischen Waldorf gekonnt und eigenwillig die Energie des Rock mit dem Gefühl von Disco, gelegentlich schimmern Inspirationsquellen wie Daft Punk durch, und sie versuchen aus-sergewöhliche Ideen umzusetzen.

Der Text von «Fashionist», ihrem neusten Song, besteht beispielsweise ausschliesslich aus den geschickt aneinandergereihten Namen teurer Modemarken.

Für die interessanteste Veröffentlichung auf A Touch of Class sorgten bis anhin aber die beiden Produzenten Manuel Mind und Valentino Tomasi, die man eher der Adriaküste als der Zürcher Klosbach-strasse zuordnen würde.

Ihre Maxi «Strange Sounds» bietet herrlich kitschigen Italodiscosound, made in Zürich.

«Das ganze Gigolo-Zeug tönt einfach immer gleich. Wenn sich die Musik nicht weiterentwickelt, dann wird sie schnell etikettiert und als Standard definiert.

So wird sie schnell langweilig und stirbt», sagt Waldorf-Mann Kid Italy zu den Veröffentlichungen des Münchner Gigolo-Labels, dessen Musikerin Miss Kittin letzte Woche ebenfalls in der Toni-Molkerei auftrat. Kid Italy distanziert sich damit klar vomÜberbegriff Elektropop.

Wie weit die Bands von A Touch of Class tatsächlich davon entfernt sind, lässt sich am Samstag in der Toni-Molkerei überprüfen.

Die Labelnight von A Touch of Class findet morgen Samstag, 16. März, ab 23 Uhr in der Toni-Molkerei, Förrlibuckstr. 109, statt.

Mit dabei sind Domie Le Touch & Toni «Riccione» Class, Waldorf, Pop Deluxe, Vascock sowie Valentino Tomasi feat.Dirk Spacek.

Kid Italy sowie einige ATOC-DJs treten im Rahmen der Nacht «Spezifische Besonderheiten Teil 2» bereits heute Freitag, 15. März, ab 20.30 Uhr im Blauen Saal, Limmatstr. 264, auf.

Bald erscheint, noch vor den Alben von The Ones und Waldorf, die ATOC-Compilation, welche alle bisherigen Singles auf einer CD vereint.